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#1

Lohndumping bei Fleischern. Französische Schlachthäuser im Kampf gegen Deutschland

in Diskussionen 30.10.2013 16:38
von RüMüllerFT34 | 42 Beiträge | 10 Punkte

Quelle: Focus online; Dienstag, 22.10.2013, 17:54

Französische Schlachthäuser im Kampf gegen Deutschland

Jetzt geht’s um die Wurst: Frankreichs Industrieminister Arnaud Montebourg erzürnt sich über die deutsche Fleischindustrie. Er wirft den Betrieben Lohn-Dumping vor und greift damit in die deutsche Mindestlohn-Debatte ein.
Neue Vorwürfe aus Frankreich befeuern die Mindestlohn-Debatte in Deutschland. Der französische Industrieminister Arnaud Montebourg hält dem Nachbarn vor, mit Lohn-Dumping die heimische Fleischindustrie in die Krise zu stürzen. „Die Frage der deutschen Löhne ist ein wirkliches Problem“, sagte er der Zeitung „Le Parisien“. „Lohnmäßigung ist schön, aber unfaires Lohndumping ist nicht akzeptabel.“

Hintergrund ist eine Entlassungswelle in der französischen Fleischindustrie, die zu großen Teilen in der Bretagne sitzt. Dort geraten immer mehr Schlachtbetriebe in Bedrängnis. Sie beklagen sich darüber, dass sie ihren Beschäftigten einen Mindestlohn bezahlen müssen, während die deutsche Konkurrenz sich auf Arbeiter vor allem aus Bulgarien und Rumänien stütze, die mit Billiglöhnen abgespeist würden. Montebourg kritisierte: „Wenn unsere Schlachthäuser eines nach dem anderen schließen, dann liegt das auch daran, dass Deutschland Beschäftigte anwirbt, die 400 Euro im Monat bekommen.“
Mindestbruttolohn in Frankreich ist 1430 Euro pro Monat
Der Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie (BVDF) hingegen argumentiert, Frankreich bekomme nun die Auswirkungen seiner protektionistischen Politik für die Branche zu spüren. Diese sei nicht mehr wettbewerbsfähig und verliere deshalb Marktanteile, erklärte Thomas Vogelsang vom BVDF.

In Frankreich liegt der Mindestbruttolohn einschließlich Sozialbeiträgen bei 1430 Euro im Monat. Basis ist eine 35-Stunden-Woche. In Deutschland ist der Mindestlohn ein wesentlicher Knackpunkt in den Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD.
Während die Sozialdemokraten eine gesetzliche und flächendeckende Lohnuntergrenze von 8,50 Euro die Stunde fordern, lehnen CDU und CSU Regelungen ab, die zum Verlust von Arbeitsplätzen führen.
Angela Merkel nennt Werkverträge „schamlos“
Allerdings hatte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Missbrauch von Werkverträgen mit osteuropäischen Arbeitern als „schamlos“ gegeißelt. In der Kritik steht insbesondere die Fleischindustrie in Niedersachsen. Die dortige rot-grüne Landesregierung und das Bundesarbeitsministerium wollen gegen die angeprangerte Praxis vorgehen. Nach früheren Angaben der Gewerkschaft NGG erhalten die Arbeiter in den Schlachtbetrieben Stundenlöhne zwischen 2,50 und 3,50 Euro. Auch Belgien hatte sich bereits bei der EU über die deutschen Billiglöhne in der Schlachtindustrie beschwert.

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#2

RE: Lohndumping bei Fleischern. Französische Schlachthäuser im Kampf gegen Deutschland

in Diskussionen 31.10.2013 07:08
von RüMüllerFT34 | 42 Beiträge | 10 Punkte

Schlachtleistung ca. 600 Schweine die Stunde, mit rund 60 Werkvertragsnehmern bei einem Schlachtpreis pro Schwein von 1,06€ pro Stück!
600x1,06=636€
636/60 =10,6€/Std. davon gehen noch ca. 10% für den Werkvertragsnehmer weg, macht also 9,54€/Std., davon müssen natürlich noch die gesamten Sozialabgaben bestritten werden (Arbeitgeber + Arbeitnehmer)!
Ach ja, für ihre Unterkünfte müssen die ja auch noch berappen und das nicht zu knapp, wenn man das mal auf die zur Verfügung stehenden qm umrechnet.
Nein, ich bin grundsätzlich kein Befürworter dieser Auswirkungen des Schengener Abkommens. Personenfreizügigkeit, offene Grenzen, freie Handelszonen, vereinfachte Zollabwicklung, und und und, alles schön und gut. Aber wenn eine ganze Branche, die übrigens von erheblichen Nachwuchssorgen geplagt ist, sich noch nicht mal in der Lage sieht seine in Deutschland ausgebildeten "Facharbeiter" gerecht zu entlohnen, dann sollte doch mal Schluss sein mit diesem Dumpingwahnsinn!
Gehen wir 50 Jahre zurück, da war der Berufsstand des Metzgers ein angesehener Handwerkesberuf, dem Inhaber einer Metzgerei wurde in den meisten Regionen mit Respekt begegnet, er war ein angesehenes Mitglied der Bürgerschaft! Und heute???
Tragen wir dazu bei ein positives Image zu erhalten? Nein! Das Niveau der Auszubildenden galt noch nie als das Beste, doch der Wandel, der sich hier innerhalb der letzten 20 Jahre vollzogen hat, lässt mich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Wen wundert es denn da noch, dass die Branche sich der Arbeiter aus Ungarn, Slowakei, Rumänien usw. bedient?
"Gelernte" Metzger oder sogar angehende Fleischtechniker, die noch nicht mal die Teilstücke eines Rinderviertels erkennen! Leute, dafür braucht niemand sog. "Fachkräfte". Ich bin stolz auf meine Ausbildung und bedanke mich auch an dieser Stelle bei meinen Eltern und meinem Lehrmeister, die alle Metzger mit Leib und Seele waren und mir das entsprechend vermittelt und weitergegeben haben. Gott schütze das ehrbare Handwerk! Dürfen wir diesen alten Handwerksspruch heute überhaupt noch benutzen, bei dem Elend was da zum Großteil ausgebildet und auf die Kunden/Verbraucher losgelassen wird? In vielen Fällen sollte es vielleicht doch besser heißen: Gott schütze mich vor diesem Handwerker.
Diese Erkenntnis ist in jedes Personalbüro vorgedrungen, woraus sich dann wiederum ein Lohnniveau für diese Facharbeiter ergibt, von dem man kaum leben kann. Auch die vielen da draussen die ihr Handwerk verstehen, müssen diese Zeche mitzahlen. Ich sehe eine gute Zukunft für Leute die ihr Handwerk verstehen und darauf aufbauen und sich fortbilden, und was die Reputation in der Fleischbranche angeht, am besten in Kulmbach. Auf lange Sicht betrachtet, hat unsere Branche ein RIESENPROBLEM, dass von Jahr zu Jahr größer wird. Und die meisten verschliessen die Augen davor und denken sich wohl: Geht schon, irgendwie! Irgendwie sind auch die Dinosaurier ausgestorben.

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#3

RE: Lohndumping bei Fleischern. Französische Schlachthäuser im Kampf gegen Deutschland

in Diskussionen 12.11.2013 15:04
von RüMüllerFT34 | 42 Beiträge | 10 Punkte

Um die Verantwortlichkeiten für schlechte Arbeitsverhältnisse und den Missbrauch von Werkverträgen mal zu klären:In der Fleischbranche wurde im Bereich Schlachtung und Zerlegung schon seit den siebziger Jahren keine Stammbelegschaft mehr eingesetzt. Die Aufträge wurden ganz legal an „Vermittler“ übergeben. Diese Vermittler, vermittelten den Unternehmen selbstständige Akkordmetzger. Die Aufträge wurden erfüllt, der Vermittler bekam sein Geld für die erledigten Aufträge vom Auftraggeber und erhielt den Verdienst für seine "Vermittlungstätigkeiten" von den selbstständigen Metzgern (i.d.R. 10%). Der Auftraggeber war zufrieden und hat sich die Kosten für Sozialabgaben, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaubs- oder Weihnachtsgeld entledigt.. Die Akkordmetzger hatten ein relativ gutes Einkommen, und trugen die unternehmerische Verantwortung für die ihnen übertragenen Arbeiten, beinahe eine echte winwin Situation.1998 wurde den selbstständigen deutschen Ausbeinern, Zerlegern und Kopfschlächtern die sogenannte Scheinselbstständigkeit, weil angeblich illegal, zum Verhängnis. Der Weg, weg vom Selbstständigen, hin zu den meistens ausländischen Werkvertragsarbeitnehmern war geebnet. Nun vergibt also ein Schlachthof ein "Werk", etwa die Zerlegung von xxxxx Schweinen, an ein fremdes Unternehmen. Dieses Subunternehmen rekrutiert dann Arbeiter, mit denen es das "Werk" durchführt. Der Schlachthof kann danach nicht mehr über Löhne oder Unterbringung der oft osteuropäischen Arbeiter entscheiden. All das ist dann Sache des Werkvertragsunternehmens. Es sei hier aber bitte ausdrücklich darauf hingewiesen: Bei dieser Vorgehensweise handelt es sich um geltendes deutsches und EU-Recht! Ein jeder Politiker oder Gewerkschafter ruft öffentlichkeitswirksam:“ Das Krebsgeschwür Scheinwerkverträge muss grundsätzlich ausgemerzt und ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro eingeführt werden, der dann auch für Werkverträge gilt, damit die Schlupflöcher für Lohndumping endlich in allen Branchen geschlossen werden!“
Forderungen für die Öffentlichkeit! Laut Tarifarchiv des WSI (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut in der Hans-Böckler-Stiftung) waren z.B. 2012 in Ostdeutschland nur noch 48 und in Westdeutschland 60 Prozent der Beschäftigten tarifgebunden.
Die deutsche Fleischindustrie nutzt die gebotenen, legalen Schlupflöcher, ebenso wie viele andere Sparten auch. Werften, Bauwirtschaft, Gemüseanbauer, Erntehelfer und und und………., und zwar solange dies legal und gesetzeskonform ist. Warum denn auch nicht? Gewerkschafter, Politiker und Angehörige der Kirchen geraten immer wieder mal ins Rampenlicht der Öffentlichkeit durch Ungesetzmäßigkeiten, Vorteilsnahme im Amt, Bestechung und anderer illegaler Vorwürfe.
Politiker, Gewerkschafter, Wirtschaftsbeteiligte und auch ich müssen diese Vorgehensweise nicht billigen, Unternehmen sich nicht daran beteiligen, es ist und bleibt aktuell aber LEGAL!
Die deutsche Fleischindustrie könnte entsprechend ja auch mal mutmaßen, dass die Franzosen und Belgier sich deshalb wegen der deutschen Niedriglöhne beschweren, weil sie Gründe dafür suchen, warum sie in ihrem Kompetenzbereich so schlecht sind. Der Grund für den Erfolg deutscher Schlachthöfe, im europäischen Vergleich, hat seine Gründe auch in der hohen Professionalisierung und Automatisierung, die größere Schlachtzahlen durch den Einsatz modernster Technik ermöglicht.
Unterbezahlt ist und bleibt unsere Branche trotz alledem. Oder wie meine Frau sagt: "Hättest Du halt was gescheites gelernt!". Beim verfassen solcher Beiträge und der in unserer Branche gezahlten Löhne, bin ich oft geneigt ihr zuzustimmen.
Aber, ich bin und bleibe gerne Metzger, mit Leib und Seele!


zuletzt bearbeitet 12.11.2013 15:07 | nach oben springen
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#4

RE: Lohndumping bei Fleischern. Französische Schlachthäuser im Kampf gegen Deutschland

in Diskussionen 27.11.2013 15:43
von Metzger Frank | 2 Beiträge | 1 Punkte

Kann den Vorredner nur zustimmen!

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#5

RE: Lohndumping bei Fleischern. Französische Schlachthäuser im Kampf gegen Deutschland

in Diskussionen 04.12.2013 05:26
von RüMüllerFT34 | 42 Beiträge | 10 Punkte

03.12.2013

Niedrige Löhne schaden dem Image


Kommentar von Renate Kühlcke

Der Standort Deutschland zahlt sich für Schlachtbetriebe aus. Hier lässt sich das Verhältnis von Umsatz zu Arbeitskosten im Vergleich zu westlichen EU-Wettbewerbern konkurrenzlos optimieren. Ein wichtiger Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit einer Branche, in der die Arbeitskosten mit rund 50 Prozent zu Buche schlagen.

Was jeden Betriebswirtschaftler mit Stolz erfüllt, stürzt die Branche ins tiefe Imageloch. Die Medien beeindruckt eben nicht die dank moderner Technik erreichte hohe Produktivität der Unternehmen. Am Pranger stehen niedrige Löhne bis hin zum Sozialdumping. Die politische Ebene ist sensibilisiert, Beschwerden aus Belgien und Frankreich sind bei der EU-Kommission anhängig und die deutsche Politik in Erklärungsnot.

Die jetzt auf Anforderung des Bundesernährungsministeriums vorgelegte Stellungnahme aus dem bundeseigenen Forschungsinstitut schwächt die Verhandlungsposition der Unternehmen in der sich gerade formierenden Tarifgemeinschaft. Dabei hat es die Branche satt, für ihre Werkverträge mit osteuropäischen Kolonnen regelmäßig als Ausbeuter vorgeführt zu werden. Der inzwischen auch politisch gewollte Mindestlohn oder ein Tarifvertrag sollen es richten – in knapp zwei Wochen wissen wir mehr.

Das Thünen-Instituts für Marktanalyse in Braunschweig, hat ermittelt , wie hoch der Anteil der Personalkosten an der Bruttowertschöpfung (BWS) der Unternehmen ist.

In Deutschland und den Niederlanden setzen die Unternehmen weniger als 60 Prozent der BWS für ihre Arbeitskräfte ein. In Dänemark, Belgien und Frankreich sind es zwischen 73 und 85 Prozent. Ein weiteres auffälliges Merkmal der deutschen Schlachtbranche ist, dass hier überdurchschnittlich viele Leiharbeiter eingesetzt werden.
Die Frage, ob Deutschland als Lohnstandort genutzt wird, lässt sich statistisch nicht belegen. „Allerdings ist anzumerken, dass mehrere dänische Unternehmen Schlachtstandorte in Deutschland übernommen haben“, sagt Dr. Josef Efken vom Thünen-Institut für Marktanalyse. Die Vermutung liege nahe, dass die günstigen Arbeitskosten ein Grund für diese Entscheidung waren.

Quelle: afz – allgemeine fleischer zeitung 49/2013

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